Cola, Kapitalismus und Indigenität – wie die schwarze Brause Chiapas überflutet
Im Dezember-Post möchte ich – Anna – euch von meinen Erfahrungen mit Coca-Cola in Chiapas erzählen. 2022 absolvierte ich einen Freiwilligendienst in Guadalajara im Bundesstaat Jalisco. Während meiner Urlaubstage hatte ich die Möglichkeit, verschiedene Regionen Mexikos zu bereisen – darunter auch Chiapas: eine urwaldreiche Gegend voller Wasserfälle, Maya-Ruinen und vor allem bekannt durch die Zapatistas, die dort für Autonomie kämpften.
Als ich nach Chiapas reiste, war ich fasziniert, ein anderes Gesicht Mexikos kennenzulernen. Besonders interessierte mich das Leben der indigenen Gemeinschaften – u.a. etwa der Tzotziles und Tseltales, deren Frauen traditionelle, schwarz gefiederte Röcke (s. Abb. 2) tragen. Ich wollte mehr über die Maya-Kultur erfahren und stellte mir Chiapas als einen Ort vor, an dem indigene Lebensweisen neben Backpacker_innen und Reisenden ungestört existieren.
Doch dieser Eindruck änderte sich schlagartig, als ich plötzlich ÜBERALL Coca-Cola sah. Die Willkommensschilder vieler Gemeinden waren mit Cola-Logos versehen. In Supermärkten stapelten sich Flaschen in allen Größen: von kleinen Glasflaschen bis zu gigantischen 3-Liter-Plastikkanistern – manchmal sogar im Mehrfachpack. Auf den Straßen, in den Taquerías – überall tranken Menschen Cola. Manche Apotheken verkauften sie sogar als angebliches Heilmittel. Und am schockierendsten für mich: in einigen Kirchen wurden Zeremonien (s. Abb. unten) mit Cola durchgeführt. Da dachte ich nur: STOP. Was passiert hier?

Also begann ich zu recherchieren – und stieß schnell auf eine Vielzahl von Reportagen, YouTube-Dokus und wissenschaftlichen Artikeln.
Coca-Cola betreibt eine große Abfüllanlage mitten in Chiapas. Für einen Liter Cola werden etwa drei Liter Wasser benötigt – Wasser, das direkt aus den zahlreichen lokalen Quellen abgepumpt wird. Seit Jahren setzt das Unternehmen aggressives Marketing ein, um Cola zum alltäglichen Getränk der Bevölkerung zu machen. In manchen Orten ist Wasser teurer als Cola. Und in vielen kleinen tienditas gibt es fast ausschließlich Softdrinks.
Die Folgen sind gravierend: durch den extremen Zuckerkonsum sind die Typ-2-Diabetes-Raten erschreckend hoch. Weitere chronische Erkrankungen nehmen zu. Gleichzeitig verschärfen die Ausbeutung der Wasserressourcen und die Plastikmüllberge die ökologischen Belastungen – eine toxische Mischung aus Gesundheits- und Umweltproblemen.
Wir schreiben inzwischen das Jahr 2025. Das Thema lässt mich nicht los. Inzwischen habe ich eine Feldforschung dazu abgeschlossen und ein wissenschaftliches Paper soll bald erscheinen. Durch meine Interviews vor Ort habe ich viel über die Komplexität der Situation gelernt. Auf individueller Ebene ist es schwer, die Flasche stehen zu lassen – wegen der allgegenwärtigen Werbung, der Dominanz in den Getränkeregalen und der starken Identifikation mit Coca-Cola als „dem“ Getränk Mexikos. Besonders erschreckend ist, wie gezielt das Unternehmen marginalisierte Gruppen als Zielpublikum ins Visier nimmt…
Wenn ihr mehr über meine Erfahrungen hören oder eure Gedanken teilen wollt, schreibt uns gerne eine Mail.
Anna
