Meine Neurodiversität
Schon als kleines Kind wusste ich, dass ich anders war. In der Schule sagten meine Lehrer:innen meiner Mutter, dass ich viel rede und keine Geduld mit meinen Klassenkamerad:innen habe, wenn es darum geht, sich im Unterricht zu beteiligen. Außerdem würde ich mich sehr leicht ablenken lassen. Ich bekam schlechte Noten in meinen Prüfungen, weil ich die Prüfungsanweisungen nicht sorgfältig las, obwohl ich die richtige Antwort wusste. Auf Anweisung der Schule musste meine Mutter mich in eine Verhaltensklinik bringen. Aber ich habe nie wirklich verstanden, was das Problem war oder ob es überhaupt ein Problem mit mir gab. Über ADHS war damals noch wenig bekannt, daher lautete meine erste Diagnose „generalisierte Angststörung“.
Erst als ich nach Deutschland kam und hier mit meiner Therapie begann, fragte mich meine Psychologin: „Hast du schon einmal darüber nachgedacht, dass du vielleicht ADHS hast?”
Doch was genau ist ADHS? Das US-amerikanische National Institute of Mental Health definiert ADHS als eine Entwicklungsstörung, die durch ein anhaltendes Muster einer oder mehrerer der folgenden Symptomgruppen gekennzeichnet ist**:
- Unaufmerksamkeit, z. B. Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, bei einer Aufgabe zu bleiben oder sich zu organisieren.
- Hyperaktivität, z. B. häufiges Herumlaufen (auch zu unpassenden Zeiten), Unruhe oder übermäßiges Reden.
- Impulsivität, wie z. B. Unterbrechen, sich in Gespräche einmischen oder Schwierigkeiten, abzuwarten, bis man an der Reihe ist
Und falls du es wissen willst: Ja, das passiert mir schon seit meiner Kindheit und kann überall und mit jedem passieren. Ich habe jedoch gelernt, das ziemlich gut zu verbergen, da ich nicht noch einmal in eine Verhaltenstherapie geschickt werden wollte. Die Menschen, die diesen Teil meiner Persönlichkeit kennen, sind deshalb meist Menschen, denen ich vertraue. Zum Beispiel, mein Partner weiß, dass es schwierig ist, mit mir das Zeitmanagement zu planen, weil ich manchmal das Gefühl habe, dass eine Stunde „mehr als eine Stunde“ ist. Oder ich muss unbedingt in zwei Kalendern notieren, dass ich einen Termin habe, sonst vergesse ich alles.
Seit ein paar Jahren höre ich immer wieder, dass ADHS nur ein „weiterer Trend“ ist und keine echte Neurodiversität. Dass es mich unglaublich viel Energie kostet, mich auf das Schreiben von Texten zu konzentrieren, die mir Unbehagen bereiten und mir kurzfristig kein Serotonin bescheren, ist ein Trend, den ich schon immer miterleben wollte, SUSANNE!
Aber mal im Ernst: Ist das wirklich nur ein Trend? Ich denke nicht. Ein Beispiel: Ich bin mir ziemlich sicher, dass meine Mutter ADHS hat, aber nie diagnostiziert wurde. Sie ist mit der Erziehungsmethode „Beruhige dich, sonst schlage ich dich” aufgewachsen. Allerdings sind viele Menschen so groß geworden!
Es gibt sicherlich viele Menschen, die diese Neurodiversität aufweisen, aber im Alltag weder eine Diagnose noch Medikamente benötigen. Ich kenne aber auch viele andere, die ohne ihre Medikamente kein normales Leben führen können. ADHS ist eine Neurodiversität mit einem sehr breiten Spektrum. Sollten dir meine Erfahrungen mit ADHS vertraut vorkommen, möchte ich dich darin bestärken, Unterstützung bei einer Fachperson für mentale Gesundheit zu suchen, und dich auf deine Familie und Freunde zu stützen.
**Wichtige Hinweise:
Wie viele Symptome aus wie vielen Bereichen notwendig sind für die Diagnose hängt vom Diagnoseschema ab. Weil in Deutschland nach (aktuell immernoch und wie lange noch ist unklar) ICD-10 diagnostiziert wird, ist der Satz „[…] einer oder mehrerer der folgenden Symptomgruppen […]“ nicht überall gültig. Die NIMH beurteilt auf Basis des DSM-5, wodurch es Unterschiede im Zustandekommen und der Vergabe der Diagnose geben kann. Allgemein für die Diagnose ist auch wichtig, andere Sachen auszuschließen wie Konzentrationsprobleme in Folge von Trauma, besondere Belastungen, Schizophrenie, Angst- und affektive Störungen usw.
