Fasching, Karneval oder Fastnacht

Ich bin vor anderthalb Jahren ins Rheinland gezogen und war im ersten Jahr sehr überrascht, dass an Weiberfastnacht mir Führungskräfte mit einer Bierflasche morgens entgegengekommen sind, mich fragten, warum ich einen Kaffee dabei und keine Verkleidung an habe. Seitdem konnte ich dazulernen!

Die besonders Hartgesottenen fiebern ab dem 11.11. auf diesen Zeitpunkt mit Sitzungen, Umzugsplanungen und Totalitäten hin. Als Kind bin ich verkleidet einmal im Jahr zum Faschingsumzug in Hessen gegangen, um Süßigkeiten, Kreppel sowie einen Blick auf die Wägen zu bekommen. Ansonsten weiß ich, dass mein Cousin im Männerballett war, aber darüber hinaus hatte ich keine Berührungspunkte.

Hier schwärmen viele von ihren Erinnerungen aus der Teenager- sowie Studentenzeit und betonen, wie aus diesen Erfahrungen bleibende Freundschaften erwachsen sind. Für mich als Dazugezogener ist das Geschehen faszinierend und irritierend zugleich. Es ist einfach toll, wie sehr alle im Moment sind und wie normal es ist, verkleidet als was auch immer du sein möchtest, an den Tagen von Weiberfastnacht bis Aschermittwoch sich durch den öffentlichen Raum zu bewegen. Auch klasse finde ich die politischen Wägen auf manchen Umzügen. Irritierend für mich ist das kollektive Besäufnis, was manchmal zu absurden Situationen führen kann, wie ein Kollege mir erzählte. Am Faschingsdienstag stieg dieser Kollege in einen Zug, der gerade aus dem Depot kam und von einer Putzkolonne verlassen wurde ein. Er suchte einen Platz, fand zunächst einen einzelnen Schuh, dann einen Bärenkopf und ein paar Schritte weiter eine Kapitänsmütze auf dem Boden. Ein paar Sitze weiter entdeckte er dann drei regunglose, aber laut schnarchende Personen, eine in einem Bärenkostüm, eine mit Kapitänsjacke und eine als Astronaut verkleidet. Mein Kollege wunderte sich wie, es sein kann, dass die drei Überbleibsel der vorherigen Nacht immer noch da waren. Er schlussfolgerte, dass die Reinigungskräfte wohl einfach um die Betrunkenen herumgeputz haben, als ob sie Teil der Standardeinrichtung seien.

Der ganze Spuk hatte ein paar Stunden später in Köln in der Nacht zum Aschermittwoch ein Ende mit der Nubbelverbrennung. Diese Strohfigur steht sinnbildlich für all die begangenen Sünden der letzten Tage, die dann mit der Verbrennung in Rauch aufgehen.

Die Fünfte Jahreszeit spielt in vielen Ländern eine Rolle, setzt die gesellschaftlichen Grenzen vorübergehend außer Kraft und wird begleitet von verschiedenen Traditionen.

In der norditalienischen Stadt Ivrea gibt es eine Orangenschlacht, die symbolisch die Köpfe tyrannischer Feudalherren aus dem 19. Jhrd darstellen soll (s. SWR-Beitrag).

Auf Teneriffa findet jedes Jahr ein Stöckelschuhwettlauf aller Geschlechter statt (s. SWR-Beitrag).

In der slowenischen Stadt Ptuj läuft der Kurent oder Kurant, eine Person in einem mit vielen Kuhglocken, durch die Straßen, um als guter Dämon mit dem Krach den Winter auszutreiben (s. SWR-Beitrag).